© Alan Shapiro
CALIBRITE LEARNING CENTER | VON ALAN SHAPIRO
Wenn das fertige Bild ohnehin stimmungsvoll und dunkel bearbeitet werden soll, warum sollte man sich dann überhaupt die Mühe mit einem Monitorprofil machen? Oder mit einem ColorChecker? Geschweige denn mit einem individuellen Weißabgleich? Geht es bei der kreativen Bearbeitung nicht gerade darum, dass Genauigkeit keine Rolle mehr spielt?
Ich verstehe, warum diese Frage gestellt wird. Aber sie vermischt zwei Aufgaben, die nichts miteinander zu tun haben.
Schau dir das erste Bild an. Direkt aus der RAW-Datei. Kein Profil. Kein individueller Weißabgleich. Auf den ersten Blick sieht es in Ordnung aus. Genau das ist die Falle. Ein Farbstich durch Mischlicht. Die individuelle Farbwiedergabe des Sensors. Ein Bildschirm, der alles unbemerkt ein wenig wärmer oder etwas magentafarbener darstellt. Nichts davon macht sich deutlich bemerkbar. Es liegt einfach unter allem, was ich als Nächstes tue – ungebeten und ungemessen.
Wenn ich bei einer solchen Datei anfange, die Farben zu bearbeiten, treffe ich nicht nur eine Entscheidung. Ich treffe zwei miteinander verflochtene Entscheidungen und kann sie nicht voneinander unterscheiden. Wie viel von dem, was ich sehe, stammt aus der Szene? Wie viel davon gibt meine Kamera falsch wieder? Und wie viel verfälscht mein Bildschirm zusätzlich?
Das ist keine Bildbearbeitung. Das ist Raten mit zusätzlichen Arbeitsschritten.
Niemand möchte, dass seine Beeren wie eine Labortestkarte aussehen. Dafür ist der ColorChecker nicht gedacht. Er ist da, weil er das einzige Objekt im Bild mit bekannten, veröffentlichten Werten ist. Blau-, Grün- und Hauttöne sowie eine Reihe neutraler Graufelder – alles dokumentiert, alles gemessen und nichts davon Auslegungssache.
Damit kann ich zwei Korrekturen vornehmen. Unspektakuläre Korrekturen, die einmalig zu Beginn erledigt werden.
Ein individuelles Kameraprofil, das darauf basiert, wie mein Sensor diese bekannten Farbfelder tatsächlich aufgenommen hat. Es korrigiert die Farbwiedergabe dieser Kamera, dieses Objektivs und dieses Lichts. Kein allgemeines Profil, das versucht, unter allen erdenklichen Lichtbedingungen richtig zu liegen. Mein Profil für dieses Shooting.
Einen individuellen Weißabgleich, der direkt anhand der neutralen Graufelder der Karte erstellt wird. Kein Abschätzen anhand einer Erdbeere. Kein Grübeln darüber, ob die Stahlschüssel zu kühl wirkt. Neutral ist neutral. Festgelegt, nicht diskutiert.
Wenn das erledigt ist, ist das zweite Bild – mit angewendetem Profil und Weißabgleich, aber noch ohne kreative Bearbeitung – nicht besser, weil es schöner aussieht. Es ist besser, weil es die Wahrheit zeigt. Die warme braune Oberfläche. Die fast schwarzen Schatten. Die tatsächliche Sättigung der Brombeeren. Jetzt weiß ich, dass ich die Szene sehe und keinen Zufall meiner Ausrüstung.
Hier kommt der Teil, der die eigentliche Frage beantwortet.
Sobald ich weiß, wo der echte Nullpunkt liegt, stammt jede anschließende Veränderung von mir. Sie ist keine Korrektur und kein Ratespiel, sondern eine bewusste Entscheidung.
Schau dir das fertige Bild an. Dunkler. Stimmungsvoller. Die Schatten wurden in Richtung eines satten, silbrigen Schwarz vertieft. Ich spiele ganz bewusst damit und weiß genau, wie weit ich gegangen bin, weil ich meinen Ausgangspunkt genau kenne. Wenn ein Kunde weniger Kontrast möchte oder ich dieses Bild an zwanzig weitere Aufnahmen desselben Shootings angleichen muss, kann ich genau diese eine Anpassung zurücknehmen. Nur diese eine. Nichts anderes hat sich verschoben, weil nichts anderes jemals infrage stand.
Verzichte ich auf die Karte, kann ich das nicht tun. Dann nehme ich keine kreative Entscheidung zurück. Ich versuche, zu einem Ausgangspunkt zurückzufinden, den ich nie wirklich bestimmt habe. Das Monitorprofil übernimmt für meine Augen dieselbe Aufgabe wie die Karte für meinen Sensor. Es stellt sicher, dass das, was ich auf dem Bildschirm beurteile, tatsächlich dem entspricht, was in der Datei gespeichert ist. So ist eine Entscheidung, die ich nachts um elf bei Schreibtischlicht treffe, am nächsten Tag auch auf dem kalibrierten Bildschirm einer anderen Person noch stimmig.
Es gibt noch einen weiteren Vorteil, der nichts mit der Bearbeitung selbst zu tun hat.
Wir alle haben schon Arbeiten verschickt, auf die wir stolz waren, nur um beim Öffnen des Pakets festzustellen, dass der Druck nicht dem entspricht, was wir auf dem Bildschirm freigegeben hatten. Die Schatten wirken matschig. Plötzlich ist ein Farbstich zu sehen, der am Vortag noch nicht da war. Die Hauttöne weichen von der gelieferten Datei ab. Und statt mich über das fertige Produkt zu freuen, suche ich nach der Ursache und frage mich, ob es am Drucker, am Papier oder an mir liegt.
Ein profilierter Monitor hört nicht auf, seinen Zweck zu erfüllen, sobald ich auf „Exportieren“ klicke. Er erledigt seine Aufgabe weiterhin, wenn ich einen Proof für mich selbst oder einen Kunden freigebe. Was ich gesehen habe, wird im Softproof dargestellt. Was im Softproof dargestellt wird, wird gedruckt. Keine Überraschungen beim Öffnen des Pakets. Kein erneuter Druck. Keine Entschuldigung für eine Farbverschiebung, die ich nicht einmal erklären kann, weil ich von Anfang an nie wusste, was wirklich korrekt war.
Und das ist alles andere als eine Kleinigkeit, wenn das Bild an der Wand eines Kunden hängt und nicht an meiner eigenen.
Bei all dem geht es nicht um Perfektionismus. Es geht darum, meine kreative Zeit nicht mit Raten oder forensischer Fehlersuche zu verbringen. Nicht auf einen Hintergrund zu starren und mich zu fragen, ob er tatsächlich so grün sein soll. Nicht gegen einen Farbstich anzukämpfen, den ich nicht benennen kann, während ich gleichzeitig versuche, innerhalb derselben zehn Minuten eine ästhetische Entscheidung zu treffen.
Zwei Minuten mit einem Target geben mir jede Minute danach zurück. Kontrast, Stimmung und die gesamte Geschichte, die ich mit der Farbgestaltung erzählen möchte: alles bewusst gewählt, alles reproduzierbar und alles auf einer Grundlage aufgebaut, der ich vertrauen kann.
Das ist der Tausch: ein paar unspektakuläre Minuten zu Beginn gegen einen klaren Kopf und mehr Zeit für den Teil, den ich wirklich liebe.
Die kreative Bearbeitung.
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